Von Freundschaft und Pausenbrot

Wenn ich für meinen Sohn das Pausenbrot zubereite, weiß ich, dass ich auch mal was darauf packen kann, was er nicht so gerne mag, weil es noch so einige Mitesser gibt. Sie erfreuen sich regelmäßig an den kleinen Überraschungsbrotzeitdosen, obwohl mein Sohn eher ungewöhnliche Ernährungsgewohnheiten hat. Er isst weder Wurst noch Käse und so gibt es diverse Cremes, Tomaten, Hummus oder einfach Butter mit Schnittlauch. 

Und wenn ich mich an meine Schulzeit erinnere, war es damals nicht anders. Weil ich meine Pausenbrote verschmähte, bekam ich bald keine mehr und kaufte mir stattdessen Brötchen mit dick Butter und Salami vom Hausmeister. Aber weitaus leckerer schmeckten die Brote meiner Freundin, mit der ich diesen Blog gestartete habe. Ihre Mutter buk selbst, vermutlich mit Mehl aus Demeter Anbau, von dem ich zu dieser Zeit noch nie gehört hatte. Belegt mit einem wunderbaren Käse, der mir vorzüglich schmeckte, obwohl ich eigentlich keinen Käse aß. Für meine Freundin war das nichts Besonderes, aber ich genoss mit allen Sinnen.

Wie schön, dass manches bleibt. Auf die Freundschaft und das Teilen des Brotes!

On fire

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich über die Sauberkeit ihres Zuhauses definieren. Im Gegenteil, ich finde Putzen wahnsinnig erschöpfend, fängt man doch direkt wieder von vorne an, wenn man gerade fertig geworden ist. Ganz anders verhält sich das, wenn ich Besuch bekomme. Je seltener und freudiger, umso größer meine Motivation, alles schön zu machen. Am Wochenende kommt meine Freundin aus Berlin. Sie kommt so alle paar Jahre und ich bin on fire. Wahrscheinlich werde ich nicht alles schaffen, ich bin mit zu vielem im Verzug. Sieben Fenster – no way. Aber Blumen kaufen muss klappen, ihren Schlafplatz schön einrichten, das Bad soll glänzen. Ich kann mir vorstellen, was es für eine Dynamik haben muss, wenn sich Frauen in anderen Kulturen eine Woche lang auf ein Fest vorbereiten, gemeinsam kochen, backen, schmücken, dabei singen und lachen. Diesen Zauber fühle ich heute- ganz allein mit meinem Staubwedel.

Glücksbotschaft

Heute morgen- ich verstieß gegen meine Prinzipien für ein besseres Leben und hörte Radio- erreichte mich meine kleine persönliche Glücksmeldung: Im Pariser Zentrum müssen künftig SUVs 18,-€ pro Stunde Parkgebühr löhnen! Das Dreifache der bislang üblichen Gebühr. Per Volksentscheid. Herrlich. 

Ich pflege meine kleine persönliche Abneigung gegen diese Gefährte seit Anbeginn, also, seitdem ich nicht an Autos interessierter Mensch sie nicht mehr übersehen konnte, weil sie die Zufahrtswege zu unserem Kindergarten verstopften. Und das ist lange her! Die Anschaffung dieser überdimensionierten Gefährte symbolisierte für mich von Anfang an die Widersprüchlichkeit des Menschen, der zwar weiß, dass er für die Zukunft der eigenen Kinder weniger Abgase in die Luft pusten sollte, sich aber mehr als bereitwillig von seinem Sicherheitsbedürfnis nach einem Panzer und der Aussicht eines Kreuzfahrtkapitäns verführen lässt.

„Meins! Ich! Hier!“ Noch absurder wurde das Ganze, als die ersten Exemplare mit E-Motor auf den Markt kamen. Ist doch umweltfreundlich. Klar, doch. Und jetzt 18,-€, seufz. Dass Campingbusse auch schwere Fahrzeuge sind, ja, blöd. Aber das ist es mir wert.

Hier noch der echt schwer zu ertragende Sound zum Satz:

Buchtipp: „Hund, Wolf, Schakal“ von Behzad Karim Khani

Über die Sonnenallee in Neukölln stolpert man immer wieder, wenn es um Clan-Kriminalität geht. Die Serie „4Blocks“ wurde von ihr inspiriert, der Hauptdarsteller Kida Ramadan, der im Libanon geboren wurde und bald darauf mit seiner Familie nach Kreuzberg kam, kennt diesen Kosmos aus Einwanderern verschiedenster Länder nur zu gut. Zuletzt geriet die Sonnenallee durch die antiisraelischen Proteste nach dem 07.10.23 zu trauriger Berühmtheit. Natürlich ist das nur die Schattenseite dieses Viertels, es ist auch Heimat vieler Menschen geworden. 

Aber was ist da los in dieser Sonnenallee? Der Autor Behzad Karim Khani kennt das Leben dort*. Er erzählt das Schicksal einer Familie, die in Neukölln strandet. Nachdem die Mutter im Tumult der iranischen Revolution hingerichtet wurde und die politische Lage immer gefährlicher wird, flieht der Vater mit dem 11-jährigen Saam und dem jüngeren Sohn Nima Ende der 80er Jahre nach Deutschland. Die persische Familie fühlt sich im arabisch dominierten Neukölln fremd. Der Vater sorgt als Taxifahrer für den Unterhalt und Saam versucht, sich den Regeln der Straße anzupassen, möglichst nicht aufzufallen und sich durchzuschlagen. Seiner Andersartigkeit und der damit verbundenen Grenzen ist er sich immer bewusst, auch als er sich mit dem Libanesen Heydar anfreundet, der durch seine älteren Brüder einen gewissen Status im Viertel genießt. Dessen Mutter und seine Schwester nehmen Saam herzlich in die Familie auf. Seinen kleinen Bruder Nima versucht Saam immer zu beschützen und von dem ihm selbst vorbestimmten Leben fernzuhalten. Denn es dauert nicht lange, bis Saam sich auf der Straße beweisen muss, bis er selbst schlagen muss, um nicht geschlagen zu werden, bis er mitspielt, um nicht unterzugehen. 

Das erstaunlichste Kunststück gelingt dem Autor darin, dass man, obwohl Saams Werdegang voraussehbar ist, die ganze Zeit über das Gefühl hat, dass dieses Leben nichts mit Saam zu tun hat. Dass es ein Irrtum ist und er in Wirklichkeit an einem friedlichen Ort die Schule besucht, um anschließend zu studieren und an einer Universität zu unterrichten. Dass auf irgendeine Weise alles noch gut geht, denn Saam ist ein sensibler, gebildeter junger Mann. Und dennoch läuft alles falsch- bis zum bitteren Ende.

„Hund, Wolf, Schakal“ ist kein schöner Roman, er ist brutal und schonungslos, wenn auch sprachlich mitreißend. Er macht nachdenklich, denn niemand kommt kriminell auf die Welt. Und manchmal braucht es ein paar Weggabelungen und gute Seelen mehr, damit sich alles zum Guten wendet.

*Mich interessieren die Hintergründe der Autor*innen sehr, weshalb ich ein wenig gestöbert habe und dieses Interview mit dem Hanser Literaturverlag gefunden. Ein kurzer Auszug:

Lieber Behzad, wie nahe kommt Hund, Wolf, Schakal deiner eigenen Biographie? Wer verbirgt sich hinter Saam?

Das Buch ist entlang meiner Biographie geschrieben. Die Eckdaten sind die meines Lebens. Ich setze mit Saam und Nima zwei Enden meiner Schicksalsskala in einen Raum und schaue, wie sie miteinander agieren. Saam ist, was ich vielleicht geworden wäre, wenn ich zwanzig Kilo schwerer, zehn Zentimeter größer gewesen wäre. Wenn ich meine Kämpfe durch Gewalt gewonnen hätte. Kämpfe, die ich im realen Leben verloren habe. Ich bin das Resultat der Niederlagen. Saam das der Siege. Und Nima ist die Frage, was wäre, wenn ich mich den Kämpfen nicht gestellt hätte. Wenn ich einfach weggerannt wäre.

Mehr auf: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/behzad-karim-khani-hund-wolf-schakal-9783446273788-t-3715

Behzad Karim Khan “Hund, Wolf, Schakal“  Hanser Berlin ISBN 978-3-446-27378-8

Geoutet

Habt ihr schon mal versucht, mit Jugendlichen ein Activity Professional aus den 90ern zu spielen? 

Ein Ding des Unmöglichen. Bei zeichne/umschreibe/stelle dar „Um des Kaisers Bart streiten“, „Eulen nach Athen tragen“, oder aber „Den Amtsschimmel reiten“, sieht man „durch die Bank“ in fassungslose Gesichter. Sprache verändert sich und so wie wir die Jugendsprache nicht verstehen, verstehen sie eben nicht die ein wenig in die Jahre Gekommene. Ist ja auch irgendwie fair, dass da jeder so sein Spezialgebiet hat.

Nichtsdestotrotz empfindet mein jüngerer Sohn eine gewisse Faszination für das, was ich manchmal so von mir gebe. Eine Mischung aus Kopfschütteln und vielleicht Spaß an der Verspieltheit der Sprache, so „mutmaße“ ich. Er würde das vermutlich energisch dementieren, aber ich erkläre es mir so, wenn er mal wieder frech grinsend und kopfschüttelnd mein „Das ist ja zum Mäusemelken“, „Den musst du wohl etwas bauchpinseln“ oder „Du bist echt mit allen Wassern gewaschen“ wiederholt.

Als ich letztens auf Bayern 2(!) eine Kostprobe des Comedian Max Osswald hörte, fühlte ich mich ertappt. Jetzt weiß ich, dass nicht nur mein Sohn über diese Ausdrücke spöttelt. Wehe dem, der sie verwendet. Er oder sie outet sich „stehenden Fußes“ als steinalt. Möchte man diesen Eindruck tunlichst vermeiden, sollte man umgehend sein antikes Activity aus dem Spieleschrank entfernen oder beim nächsten Mal so tun, als verstünde man kein Wort.

Denn sie wissen nicht, was sie tun.

Als ich ein Foto von unseren drei Ampelchefs während einer Bundestagssitzung in der Zeitung sah, dachte ich nur: haben wir uns das wirklich so vorgestellt mit der Digitalisierung? Ein treffliches Sinnbild für das, was schon lange schiefläuft. Der Homo sapiens glotzt auf sein Smartphone – ganz gleich ob in der U-Bahn oder im Bundestag.

Was waren das für Zeiten, als man während einer Bundestagssitzung, eines Meetings, einer Unterrichtsstunde, eines Essens oder eines Treffens mit Freunden, sich nur seinen Mitmenschen widmete und nicht noch gleichzeitig die Welt retten musste. Zugegebenermaßen machte sich bisweilen Langweile breit. Wir waren nicht immer bei der Sache. Wir schwätzten vielleicht oder schrieben heimlich Zettelchen unter dem Tisch. Die ein oder andere Entscheidung musste vielleicht etwas warten, aber es passierte meist auch nichts Schlimmes in der Zwischenzeit. 

Und jetzt? Heute muss alles sofort passieren. Gleichzeitig. Wir müssen umgehend reagieren und erreichbar sein. Viele Menschen empfinden das zunehmend als Stress. Das Digitale, das den Alltag eigentlich erleichtern soll, bindet immer mehr Energien. Wir brauchen immer mehr Apps für immer mehr Anwendungen, für Hotelbuchungen, Essensbestellungen, Versicherungen, den Schulalltag oder Job, Authentifizierungen und Onlinebanking. Jedes für sich wunderbar praktisch, in der Masse einfach zu viel. Wir brauchen Zwei-Wege-Authentifizierung und immer mehr und sicherere Passwörter, um Hackerangriffe auf unsere Accounts abzuwehren. Und weil wir uns diese nicht mehr merken können, benötigen wir Passwortmanager. Cloud Lösungen bieten uns Speicherplatz für Bilder und Daten, die nicht mehr auf unsere Endgeräte passen. Ob wir sie jemals alle wieder ansehen oder ordnen werden, bleibt bei den scheinbar grenzenlosen Ressourcen anzuzweifeln. Dieses Mehr fühlt sich verdammt falsch an, finde ich.

Wenn ich mal wieder fast daran verzweifele, beispielsweise meinen Mailaccount auf dem Smartphone einzurichten, denke ich an Menschen, die weitaus schlechtere Voraussetzungen haben als ich, eine solche Aufgabe zu bewältigen. Weil sie älter sind, eine Behinderung haben oder schlichtweg einen anderen Weg gehen wollen. Stichwort Inklusion. Sie werden zunehmend ausgeschlossen. Ob bei Bankgeschäften oder beim Deutschlandticket. Bei allen Erleichterungen, die die Digitalisierung mit sich bringen kann, darf sie Menschen nicht ausschließen, die ihrer Nutzung nicht mächtig sind. Für sie muss es auch weiterhin andere und vor allem einfache Möglichkeiten geben, auch wenn diese vielleicht teurer sind, weil sie Personal und Räumlichkeiten erfordern. Und nach diesen Angeboten sehnen sich auch Menschen, denen all das Digitale zu viel geworden ist.

Vor etwa fünf Jahren habe ich mich dazu entschieden, WhatsApp von meinem Handy zu entfernen, zum einen aus Datenschutzgründen, zum anderen, weil ich geschäftliche Anfragen über WhatsApp als sehr nervig empfunden habe. Ich habe diese Entscheidung keinen Tag bereut, aber peinlich ist sie mir trotzdem manchmal. Denn jedes Mal, wenn mir jemand „schnell mal“ etwas schicken möchte und ich kleinlaut gestehe, dass das auf diesem Weg nicht möglich ist, gehe ich davon aus, dass mich mein Gegenüber in die Schublade „Nicht von dieser Welt“ steckt. Erstaunlicherweise reagieren inzwischen viele Menschen ganz anders.

„Wie toll, das würde ich auch so gerne machen!“ 

Ich finde, es ist wirklich Zeit, ernsthaft darüber nachzudenken, wie wir leben wollen und nicht immer nur kritiklos den digitalen Möglichkeiten hinterherzurennen. Auch und vor allem im Bundestag.

Buchtipp: Nele Pollatschek „Kleine Probleme“

Wer schon immer mal Einblicke in die Gedankenwelt eines Prokrastinierenden (Prokrastination = extremes Aufschieben) gewinnen wollte, sei es aus eigener Betroffenheit oder weil dieses Phänomen in aller Munde ist, seitdem immer mehr Menschen offen mit ihrer AD(H)S und den damit einhergehenden Problemen umgehen, greift bei „Kleine Probleme“ zum richtigen Buch.

Lars, der Held der Geschichte, leidet schon zeit seines Lebens unter „Verschieberitis“, aber jetzt muss er beweisen, dass er sich ändern kann. Denn diesmal geht es um alles. Nur so kann er seine geliebte Johanna zurückzugewinnen, die sich eine Auszeit in Portugal genommen hat. 13 Punkte beinhaltet die Liste, die er unbedingt noch am 31.Dezember abarbeiten muss, um alles zum Guten zu wenden. Dazu gehören vermeintlich einfache Dinge, wie auf Nachrichten zu antworten, aber auch seit Jahren aufgeschobene, wie die Steuererklärung, die bislang nur in Form loser Quittungen vorliegt oder der Aufbau des Bettgestells, das Tochter Lina einst zum Geburtstag bekommen hat und die seitdem demonstrativ auf der Matratze am Boden schläft. Wenn Lars dann beginnt, den Schrauben eines schwedischen Möbelherstellers statt Nummern Namen zu geben und mit Pleumeln, Hoshis und Wörles kommuniziert, mit ihnen ringt und schließlich triumphiert, kann man nicht umhin, eine gewisse Zärtlichkeit für diesen Mann zu empfinden, der so viel will und dennoch immer wieder scheitert. Seine Johanna ist im Geiste stets bei ihm – mahnt, seufzt, verzweifelt und sieht voraus. Und er weiß es doch selbst, aber kann eben nicht anders.

Nele Pollatscheks Roman wirft einen liebevollen Blick auf einen Menschen, der so gar nicht in unsere Leistungsgesellschaft passt, der mit sich und der Welt ringt und doch so viel zu bieten hat. Ein humorvolles Buch mit wunderbaren Gedankengängen, das spielerisch die ganze Palette an Emotionen hervorruft, die das Leben mit einem Lars vermutlich mit sich bringen kann: von Bewunderung für seine grenzenlose Fantasie bis hin zum Wahnsinnigwerden. Mach`doch einfach, würde Johanna dann sagen.

Viel Spaß beim Lesen!

Nele Pollatschek „Kleine Probleme“ * ISBN 978-3-86971-240-6 Verlag: Galiani

Die Callcenter Mitarbeiterin

Als ich heute morgen in einer alten Taz geblättert habe, stieß ich auf den Begriff „Rauhnächte“, der mich sofort neugierig machte. Ich befragte das Worldwideweb und fand ein paar interessante Rituale und Bräuche. Als Rauhnächte bezeichnet man die 12 Nächte, die um Mitternacht (oder wie einer meiner Söhne sagen würde um „Null“) am 24.12. beginnen und um dieselbe Zeit am 05.01. enden. Vielleicht wusstet ihr das schon- mir war das neu. Diese Zeit dient der inneren Einkehr und der Selbstreflexion, jedem Tag ist eine andere Aufgabe zugeschrieben. Es gibt Räucherrituale und vieles mehr, es ist die Zeit des Ordnens und Aufräumens im Innen und Außen. Ich möchte jetzt nicht das gesamte Themenfeld abhandeln, ich fand es nur witzig, dass ich vieles von dem getan habe, was dort aufgeführt ist. Wahrscheinlich der dunklen Jahreszeit geschuldet. Manches allerdings schon etwas vor der Zeit. Beispielsweise habe ich begonnen, alte Accounts, die ich nicht mehr benötige, löschen zu lassen. Weniger Accounts bedeuten weniger Passwörter. Weniger macht mich glücklich. Allerdings ist der Umgang von Unternehmen mit dem Löschen ihrer Kundendaten sehr unterschiedlich, wie ich feststellen musste. Während manche direkt einen Menüpunkt anbieten, um das unkompliziert zu erledigen, muss man andere anschreiben. Besonders nett war das Gespräch mit der Callcenter Mitarbeiterin eines Mobilfunkunternehmens. Da mein großer Sohn inzwischen volljährig ist und wir den Vertrag auf ihn überschrieben haben, benötigte ich meinen Zugang nicht mehr. Ich rief den Kundenservice an:

Ich: „Ich würde gerne meinen Kundenaccount löschen lassen.“ Ich erklärte kurz den Sachverhalt.

Sie: „Aber Sie müssen ihn nicht löschen lassen, es passiert ja nichts damit.“

Ich: „Ja, aber ich brauche ihn ja nicht mehr. Ich möchte ihn gerne löschen. Simplify your life.“

Sie: „Oh, die App habe ich mir auch mal runtergeladen.“ Denkt kurz nach. „Aber eigentlich braucht man dazu gar keine App.“ Sie sucht in ihrem Computer nach Handlungsanweisungen, mit denen sie mir meine Bitte erfüllen kann.

„Da muss ich jetzt doch mal die Fachabteilung anrufen. Sie sind die Erste, die das möchte.“

Als sie sich wieder meldet, ist alles erledigt und wir verabschieden uns mit fast feierlichen Worten. Ich bin mir sicher, sie hat sich während der Rauhnächte auch von ein wenig Ballast getrennt.

Ich wünsche Euch einen guten Start ins Arbeits- und Schulleben!

2024!

Willkommen im neuen Jahr, ihr interessierten und wohlwollenden Menschen, die mich auf diesem Blog begleiten. Ich wünsche Euch das Beste und freue mich auch 2024 wieder auf den Austausch mit Euch, ob hier in den Kommentaren oder – wie es des Öfteren geschieht – per Nachricht oder auch im persönlichen Gespräch.

In diesem Jahr werden viele meiner Schulfreundinnen und auch ich 50 – ein große Zahl und Anlass für so einige Partys. Das mit dem Feiern ist auch dicke notwendig, denn so unbeschwert, wie die Frauenzeitschriften einem diesen Lebensabschnitt immer verkaufen wollen, scheint er nicht zu sein. Von wegen Gelassenheit, toller Sex und Selbstverwirklichung, die meisten Menschen, mit denen ich mich austausche, erzählen mir ganz andere Dinge. Aber wie ist diese Lebensphase wirklich? Hand aufs Herz.

Ich finde, es wird dringend Zeit, eine kleine Serie wieder aufleben zu lassen. Erinnert Ihr Euch an „Mehr als 40“ ? Unter dieser Überschrift haben damals einige von Euch ganz offen ihre Gedanken über diesen Lebensabschnitt mit uns geteilt. Höchste Zeit für eine Fortsetzung! Ich nenne sie der Einfachheit halber „Mehr als 50“. Denn auch die 50 ist nur eine Zahl und so viel mehr als die gängigen Klischees über dieses Alter. Außerdem hat nicht alles mit dem Alter zu tun, sondern auch mit den Lebensumständen. Wir befinden uns gerade in einer Zeit großer Veränderungen.

Schreibt mir: Wie geht es Euch? Was beschäftigt Euch? Welche Krisen und Herausforderungen müsst ihr bewältigen? Ich freue mich auf Eure Lebensberichte, ganz egal, was diese Phase Eures Lebens prägt, ob ihr noch eine 4 vor der 0 habt oder nicht mehr, anonymisiert oder hochoffiziell – für alles ist Platz.

Ich habe mir übrigens vorgenommen, diesen Blog im neuen Jahr ein wenig mehr zu professionalisieren. Das hat vor allem diesen einen Grund, dass ich während Corona einen Roman geschrieben habe und noch immer auf der Suche nach einem Verlag bin. Da kann es nicht schaden, etwas mehr Reichweite zu generieren und sich interessanter zu machen. Falls ihr also den Blog im Freundes- und Bekanntenkreis weiterempfehlen wollt, freue ich mich fast so sehr, wie über eine Connection zu einem Verlag. Aber keine Sorge, ich werde Euch weder Tupperware verkaufen noch täglich mit Lebensweisheiten nerven. Es wird so ein „aus dem Bauch Ding“ bleiben.

So, ich freue mich – wie immer – von Euch zu hören und vor allem zu lesen.

Alles Liebe,

Ella

Ach ja, Weihnachten…

Seit Tagen schleiche ich in Gedanken um diesen Blogbeitrag herum. Weihnachten- das ist nicht so mein Ding. Dieses alljährlich wiederkehrende Ereignis, das bis oben proppenvoll gestopft ist mit Erwartungen an Familie, die meist wenig mit der Realität zu tun haben, aber mit unerschütterlicher Entschlossenheit und dem Ignorieren aller Probleme verteidigt werden. Puh.

Dabei gibt es so viel Positives, das ich Euch berichten wollte. Nachdem das Jahr für mich mental schwierig angefangen hat, hat sich vieles nach meinem Yoga-Retreat verändert. Ich habe den Worten meiner Yogalehrerin vertraut, die mir sagte, dass sich alles finden werde und mir den Weg in die Dankbarkeit gezeigt hat. Ich danke Dir dafür von Herzen, liebe Petra!

Ich den Wochen danach habe ich meinen Kaffee auf dem Balkon getrunken und dabei den Vögeln gelauscht – und sonst nichts. Achtsamkeit anstelle von Berieselung. Dankbarkeit, auch für die kleinen Dinge. Als ich morgens zur Arbeit gefahren bin und mir ein Autofahrer die Vorfahrt genommen hat, habe ich, statt mich wie sonst aufzuregen, überlegt, ob er vielleicht verschlafen habe könnte und jetzt ganz schön unter Strom steht. Dass er es vermutlich gar nicht bemerkt hat, dass er mir die Vorfahrt genommen hat und es nicht aus Boshaftigkeit getan hat. Ich bin ihm wohlwollend begegnet, anstatt über ihn zu urteilen. Meine Yogaeinheiten halfen und helfen mir, mich in meinem Körper pudelwohl zu fühlen, bei mir zu bleiben und dem Alltag gelassener zu begegnen. Atmen und Körperwahrnehmung. Als ich zum Herbstbeginn merkte, wie müde und abgeschlagen ich war, kamen die Worte meiner Yogalehrerin Nicola zur rechten Zeit, die uns daran erinnert hatte, diesen Zustand der Erschöpfung anzunehmen, anstatt ihn in unserem durchgetakteten Alltag zu bekämpfen. Dass es normal ist, dass wir im Rhythmus der Jahreszeiten unterschiedliche Energiezustände haben. Runterfahren. Das erste Mal seit vielen Jahren hatte ich kein Problem mehr, dass der Winter kam und zelebrierte es, mich bereits um acht Uhr abends in meiner Daunendecke einzukuscheln und zu lesen. Ich weiß, dass es im Frühjahr wieder ganz anders werden wird. Ein Teil des großen Ganzen zu sein, fühlt sich wunderbar an. Auch dafür bin ich sehr dankbar. Aber auch das hundertfach gehörte „Lass` los!“ der Schluss Meditation meiner Onlinekurse klang mir oft in den Ohren, wenn es mein Leben verlangte. Das Kind ziehen lassen, und zwar nicht nur räumlich, ungute Beziehungen, Ängste, Erwartungen, Dinge, die man hortet, körperliche Anspannung, Gedanken – Loslassen ist befreiend und setzt viel Energie frei!

In diesem Spirit befand ich mich noch Anfang Dezember. Ich wollte mein Glück hinausschreien und mit der ganzen Welt teilen: „Es funktioniert wirklich, Du musst Dich nur auf den Weg machen, vertraue mir!“ Aber Veränderung ist natürlich nicht nur leicht, sie stellt auch vieles in Frage. Die Puzzleteilchen des Lebens müssen neu sortiert und geordnet werden- und das ist verdammt anstrengend und macht mir das Atmen manchmal schwer. Und jetzt also Weihnachten und sein ganzer Ballast. Und natürlich auch die vermutlich bescheuerte Erwartung an mich selbst, etwas dazu zu schreiben. Dabei hat ja eigentlich sowieso niemand die Muße, kurz vor Weihnachten, einen so langen Text lesen. Loslassen wäre angesagt.

Anstatt hochtrabenden Blablas habe mich entschieden, mit Euch etwas Lebenspraktisches zu teilen. Da an den Feiertagen die Bäckereien geschlossen haben werden, mag sich vielleicht die eine oder der andere von meinen Erfahrungen als Brötchenbäckerin inspirieren lassen und noch schnell frische Hefe kaufen gehen. Eigentlich ist das nämlich wirklich einfach – man muss nur EINES unbedingt beachten!

Als ich vor geraumer Zeit auf die Idee kam, spontan Brötchen zu backen, stieß ich auf Rezepte, bei denen der Teig über Nacht im Kühlschrank ruhen muss. Ich hatte davon gehört, dass es diese Methode bei Pizzateig gab. Da ich aber von Kindheit an gelernt hatte, dass Hefe Wärme mag, war mir das Ganze ein bisschen suspekt. Dennoch versuchte ich es. Der Teig war tatsächlich nach knapp 5 Minuten geknetet und ich stellte ihn in einer Tupperbox mit ausreichend Platz zum Aufgehen in den Kühlschrank und begab mich zu Bett. Als ich diesen am nächsten Morgen öffnete, bekam ich erstmal einen Lachanfall. Der Kühlschrank sah aus, als habe man ihn mit Halloween Spinnwebenspray überzogen. Der Teig war so krass aufgegangen, dass es ihn quasi aus der Box gesprengt hatte und er sich dekorativ im ganzen Kühlschrank verteilt hatte. Naja, ich gebe zu, dass ich wesentlich mehr Hefe verwendet hatte als im Originalrezept angegeben, weil mir das unrealistisch vorkam. Ich kratzte schließlich den verteilten Teig zusammen und buk daraus Brötchen. Und ich muss sagen, sie sind wirklich gut geworden, innen schön locker fluffig, die Kruste nicht zu hart. Funktioniert astrein und geht relativ schnell. Ich habe es dann nochmal getan, diesmal allerdings mit großer Schüssel und viel Platz- es hat gerade so gelangt. Also, DAS ist das einzig Wichtige – Raum zum Ausbreiten, irgendwie ja fast spirituell, wenn ich darüber nachdenke;-) Ihr könnt es natürlich auch mit weniger Hefe versuchen und mir schreiben, ob es dann auch so gut wird. Falls ihr also Lust auf ein Experiment verspürt, hier das Rezept:

Weiße Brötchen ( 9 Stück):

¾ Würfel frische Hefe

370g Wasser

500g Weizenmehl

2 TL Salz

1 gehäufter TL Zucker

Die Hefe in lauwarmen Wasser auflösen. Mehl, Salz und Zucker in einer Schüssel mischen und das Hefe-Wasser locker unterheben. Mit dem Knethaken so lange rühren, bis das Wasser gebunden ist. Abdecken und über Nacht in den Kühlschrank stellen.

Am nächsten Morgen den Ofen auf 240°C Ober- und Unterhitze vorheizen. Den Teig auf eine bemehlte Arbeitsfläche geben, in neun gleichgroße Quadrate schneiden. Die gegenüberliegenden Ecken jeweils in der Mitte übereinanderlegen und fertig geformte Brötchen auf ein Backblech mit Backpapier legen. Etwas Wasser in einer feuerfesten Form auf den Boden des Ofens stellen und dann die Brötchen auf der mittleren Schiene etwa 20 Minuten backen.

Euch eine entspannte und leckere Weihnachtszeit!

Alles Liebe,

Ella

Buchtipp: T.C. Boyle „Blue Skies“

Als ich begann, den Roman zu lesen, fiel mir als Erstes auf, dass ich lange kein amerikanisches Buch in den Händen hatte. Die Figuren erinnerten mich an einen College Roman, ein bisschen schwarz-weiß, viel Klischee, the american way of life eben. Schnell aber zog mich das Buch in seinen Bann, in Erwartung des Unheilvollen, Unabwendbaren.

T.C.Boyle lässt uns einige Jahre in die Zukunft blicken, die Auswirkungen des Klimawandels zeigen sich massiv. Kalifornien leidet unter anhaltender Dürre, Hitze und Stürme gestalten den Aufenthalt im Freien immer mühsamer. Es gibt eingeschleppte Tierarten, die ihr Unwesen treiben, dafür sterben immer mehr heimische Arten aus. In Florida gehören Überschwemmungen zur Tagesordnung, es regnet nahezu ununterbrochen und das Meer holt sich nach und nach die Küstengebiete und ihre traumhaften Strandhäuser. Als ich das las, regnete es gerade auch in Nürnberg ununterbrochen und war zudem viel zu warm für den November, so dass sich der Roman schnell ungut real anfühlte und ich ihn bald mit zum Joggen und in meine Träume nahm.

An diesen beiden Orten leben ein Ehepaar und seine beiden erwachsenen Kinder. Während Cooper, der schon als Teenager ein leidenschaftlicher Insektenforscher war, bereits alle Untergangsszenarien vorhergesagt hat, versucht sich seine Schwester Cat als Influencerin und blendet alles aus, was nicht zu ihrem Lebensentwurf passt. Die Realität scheinen sowieso alle nur aushalten zu können, indem sie ihre Blutalkoholkonzentration konstant hochhalten (Auch das in bester Tradition einiger amerikanischer Schriftsteller). Während Cooper mit seiner Lebensgefährtin nach Zecken für ihre Forschungsarbeit sucht, kauft sich Cat einen Tigerpython, um ihre Reichweite zu erhöhen. Und so nimmt das Unglück seinen Lauf, unabwendbar, sehenden Auges…

Nein, dieser Roman ist nicht schön, aber es ist faszinierend. Er nimmt Raum ein und konfrontiert uns damit, wie sich das Leben aufgrund des Klimawandels konkret verändern könnte, vielleicht nicht genauso, aber doch so ähnlich. Er macht das Unvorstellbare vorstellbar und zeigt, wie Menschen darauf reagieren und damit umgehen könnten. „Blue Skies“ spielt in einer viel zu nahen Zukunft, man erträgt das bedrückende Thema durch die Spannung der Handlung und das Verlangen, zu erfahren, wie es weitergehen wird im Leben der Protagonist*innen. Und zum Glück ist Amerika auch weit genug entfernt, um sich einzureden, dass es bei uns so nicht kommen wird. T.C.Boyle spielt mit konkreten Fragen, die sich aus den Klimaveränderungen ergeben. Und die er zumindest teilweise von seinem Haus in Kalifornien aus beobachten kann. Dort hat er auch bereits ungute Erfahrungen mit Zecken machen müssen. Tja, Schriftsteller schreiben eben auch immer ein wenig aus ihrem Leben…seid gespannt!

„Blue Skies“ von T.C.Boyle, Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-27689-5

Was ist nur aus Ketchup & Mayo geworden?

Als wir, ein Arbeitsteam von Frauen zwischen zwanzig und fünfzig, kürzlich fast an der Bestellung des Mittagessens verzweifelten, überfordert von der üppigen Auswahl an Bowls, Salaten, dazugehörigen Dressings und Extrazutaten, kamen wir schnell überein, dass wir alle uns nach mehr Einfachheit sehnten. Wieso mussten Burger heute Ziegenpeter oder Trittbrettfahrer heißen und uns vor unlösbare Rätsel stellen? Und was ist eigentlich aus dem guten alten Rot-Weiß, dem unmissverständlichen und schlichten Ketchup und Mayo geworden? Und wieso kann mir ein Barkeeper heute nicht einfach einen mit billigem Fusel gemischten Gin Tonic vor die Nase stellen, anstatt mich mit seiner Auswahl von hunderten von Sorten zuzutexten, um mir dann 18,-€ für einen Gin abzuknöpfen, der nach Whiskey schmeckt und überhaupt nicht zu Tonic passt? Ach, wie einfach war das noch zu meiner Jugend. Currywurst statt beyond meat (sagt die Vegetarierin, die damals noch keine war), Stammtischparolen statt sorgsam bedachter Worte, Männlein oder Weiblein statt LGBTQIA+, das Leben ist komplex geworden und manchmal kommt man nicht mehr mit. Too much information auf viel zu vielen Kanälen.

Nachrichtenportale liefern ununterbrochen neue Headlines aus aller Welt, wir sehen schreckliche Dinge, großartige, ununterbrochen. Social Media überschwemmt uns mit Superlativen. Spotify kennt meinen Geschmack und streamt ein Lied, das klingt wie das andere, die Künstler selbst kenne ich kaum noch. Alles beliebig und austauschbar. Sich jahrelang auf ein neues Album zu freuen, klingt heute nahezu absurd. Und wieso noch selbst kreativ werden, wenn es wirklich schon alles gibt? Die KI imitiert gekonnt Künstler aller Genres, ob aus der Musik, der Malerei oder der Literatur. So wie heute über Nacht Karrieren ungeahnter Dimensionen über TikTok entstehen, so unmöglich erscheint inzwischen das klassische, jahrzehntelange Erarbeiten einer Künstlerkarriere, in der man sich und seinen Stil langsam entwickeln kann. Wo Ideen innerhalb kürzester Zeit verbreitet und nachgeahmt werden, sind diese Prozesse passé. Für junge Menschen vermutlich ein kleineres Problem, weil es für sie normal ist, dass ihre Welt so funktioniert. Andererseits hat auch die Gen Z inzwischen begriffen, was für ein paradiesisches Leben wir in den 80ern und 90ern hatten und nicht Wenige verehren diese Zeit, in der man noch ungehemmt feiern konnte, ohne Angst haben zu müssen, dass der Absturz in allen Details mit der Kamera dokumentiert und mit der Community geteilt werden würde. In der man den Moment leben konnte, ohne den Status zu ändern und sich dabei ins richtige Licht stellen zu müssen– die große Freiheit von Social Media.

Aber wie gehen wir damit um? Denn gesund ist diese ganze Informations- und Möglichkeiten Flut für unsere sensiblen Psychen nicht, fürchte ich. Vielleicht besonders für unsere Generation, die das Vorher noch kennt, aber nicht alt genug ist, um sich dem Nachher zu verwehren, die irgendwie mitkommen muss in dieser Schnelllebigkeit, in der nichts bleibt, wie es ist und die uns und unsere Aufmerksamkeit permanent fordert.

Ein Phänomen ist die Sehnsucht nach der Natur, die sich im rasant gestiegenen Tourismus in den Bergen samt Outdoorequipment zeigt. Aber auch daran, dass mehr Menschen als jemals zuvor, ihren Traum vom eigenen (Camping)Bus leben. Draußen sein in der Natur, an den schönsten Orten. Meistens klappt es zwar mit dem „draußen“, aber nicht mit dem „weg“, denn das Arbeiten und Posten von unterwegs verhindern den Digital Detox. Um die Verbindung zu kappen, bedarf es mehr. Dazu lassen sich manche Menschen tagelang in einsamen Wäldern aussetzen, um sich und „das echte Leben“ wieder zu spüren. Bin ich überlebensfähig fernab der digitalen Möglichkeiten, durch die ich mir 24/7 alles liefern lassen kann, was ich brauche? Eine berechtigte Frage. Vielleicht geht es aber auch kleiner. Öfter die Geräte weglegen und raus gehen, sich Auszeiten schaffen. Man kann Apps löschen, die allzu erfolgreich unsere Aufmerksamkeit einfordern oder zumindest Benachrichtigungen deaktivieren und Signaltöne ausschalten.

Ich versuche es gerade damit, meine täglichen Routinen ein wenig umzustellen. Morgens schalte ich nicht gleich das Radio an, um mit den ersten schlechten Nachrichten in den Tag zu starten und abends versuche ich, den Tag nicht mit den grausamen Bildern von Kriegen und Absurditäten des Politikgeschäfts zu beenden. Dazwischen bleibt immer noch eine Menge Zeit, um von allen möglichen Kanälen informiert zu werden. Yoga und gelegentliche Meditation helfen mir, besser bei mir zu bleiben und den täglichen Herausforderungen mit mehr Gelassenheit zu begegnen. Ich versuche, dankbar zu sein und genieße die Begegnungen mit Menschen, die mir etwas bedeuten, denn sie bereichern mein Leben. Ich denke, für unsere seelische Gesundheit wird es noch wichtiger werden, Beschäftigungen zu finden, die keinen anderen Nutzen haben, als uns gut tun, Dinge für sich selbst zu tun und nicht, um von außen Zuspruch und Anerkennung zu bekommen. Im Moment zu versinken, bei sich zu sein. Das ist, denke ich, die wirksamste Waffe, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren und „vom Metaverse verschlungen zu werden“. Und schön, wenn es euch nicht so geht und ihr es schafft, all das gelassen zu verarbeiten, was euch auf Messagern und Social Media, in E-Mails, Newslettern und dem Newsfeed tagtäglich erreicht.

Das klingt jetzt alles pathetisch und glaubt mir, ich scheitere ständig, aber ich begebe mich immer wieder auf die Suche nach einem guten Weg. Was die Essensbestellung angeht, fahre ich mit der Strategie ganz gut, einfach das erstbeste vegetarische Gericht zu nehmen, das angezeigt wird- ohne Extraschickschnack und weiteres Nachdenken. Ich werde mir hoffentlich merken, in einer Bar nie mehr Gin Tonic zu bestellen, obwohl die Gefahr besteht, dass ich es auf jeden Fall vergesse, wenn zwischen den Besuchen zu viel Zeit ins Land gehen sollte. Tja, die Welt wird sich noch krass verändern in den nächsten Jahren. Let`s stay tuned und lasst uns einander die Hände reichen, wenn sie sich für den einen oder die andere zu schnell dreht.

Theorie & Praxis

Mein großes Kind ist ausgezogen. Naja, nicht endgültig, sondern eher so auf Probe. Bundesfreiwilligendienst. (Genau der, für den im nächsten Jahr die Mittel gekürzt werden sollen. Aber das ist ein anderes Thema.) Nicht allzu weit weg und trotzdem steht sein Zimmer jetzt fast zwei Wochen leer, bis er wiederkommt. Die ersten 24 Stunden denke ich ständig an ihn. Es fühlt sich ganz anders als seine Urlaube mit Freunden in den vergangenen Jahren. Da habe ich nicht fast manisch an ihn gedacht. Aber jetzt kreisen meine Gedanken um ihn. Wie geht es ihm? Was macht er? Begierig sauge ich jedes Video auf, dass er seinem kleinen Bruder schickt. Ist er einsam? Ich fühle mich unsicher, wie oft ich ihm eine Nachricht schicken darf, ohne ihn zu bedrängen. Wie oft ich anrufen darf, ohne ihn zu nerven. Ich denke an die Mütter, die ich so abgeklärt belehrt habe. Du musst sie ziehen lassen, ihnen Raum geben, habe ich gesagt. Ich möchte so nicht sein.

Es wird leichter. Die zweite Woche fühlt sich schon normaler an. Ich genieße die Zeit mit meinem jüngeren Sohn. Das Kochen macht Spaß, wir mögen ähnliche Sachen. Erstaunt bemerke ich, wie viel weniger ich einkaufen muss, weil das immer hungrige Kind an seinem neuen Wohnort bestens verpflegt wird. Ich wasche weniger Wäsche, es ist entspannt, wir grooven uns ein.

Jetzt ist er zuhause, er ist gewachsen. Es tut ihm gut, Verantwortung zu übernehmen. Für sich und für andere. Daheim ist alles wie immer, Zocken, Chatten, Chillen. Fast. Mein liebenswerter Chaot hat sich tatsächlich eine Liste geschrieben, was er noch von zuhause mitnehmen muss. Vorausschauend. Und er hat sich fürs Essen bedankt. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Wer sich interessiert, findet hier Infos:

https://www.bundesfreiwilligendienst.de/bundesfreiwilligendienst/platz-einsatzstellensuche

Zeit

(Ein Gastbeitrag von Petra)

Ich sitze bei nur wenigen Grad Celsius über Null in unserem Garten im dicken Nebel eingehüllt und frühstücke. Warum ich das erzähle? Weil ich noch letztes Jahr um die Zeit sicher nicht auf die Idee gekommen wäre, mich unter der Woche am Vormittag in Ruhe draußen zum Frühstücken hinzusetzen- nicht, weil das nicht schon damals schön gewesen wäre, sondern weil ich schlichtweg keine Zeit gehabt hätte. Um diese Zeit (10h morgens) wäre ich mit meinem Hund auf dem Heimweg von meinem Pferd gewesen, in großer Eile, um noch kurz unter die Dusche zu springen und dann in die Arbeit zu düsen, um nicht zu spät zu kommen.

Und jetzt, jetzt habe ich Zeit, jede Menge davon und viel mehr, als mir manchmal lieb ist. Ich bin seit Ende März zuhause aufgrund von Long Covid und musste auf schmerzhafte Art lernen, mich von all den Hobbies, vom Beruf, von sämtlichen Freizeit Aktivitäten, aber auch von allen Leistungsansprüchen an mich selbst zu verabschieden. In die Pause gezwungen.

Kein Sport mehr, kein Job mehr, keine langen Spaziergänge mit Hund und Pferd – nichts mehr war da von meinem „alten“ Leben. Die letzten Monate waren geprägt von viel Trauer, viel Schmerz über meine Situation, die mich hilflos gemacht hat, weil sehr lange Zeit keine Hilfe in Sicht war. Die vergangene Zeit war auch geprägt von immer wieder viel Hoffnung, um dann in ein tiefes Loch der Verzweiflung zu fallen, weil ich wieder Rückschritte gemacht und somit wieder ans Sofa oder Bett gefesselt war. Ärzte, Krankenhäuser, spezielle Ambulanzen konnten nicht helfen und somit war ich sehr lange mit der Erkrankung alleine und musste lernen, wie es ist, auf Hilfe angewiesen zu sein – im Haushalt, in der Tierversorgung, in allen Lebensbereichen – ich habe gelernt, Hilfe anzunehmen und tiefe Dankbarkeit zu empfinden – den Menschen gegenüber, die mich in den letzten Monaten so intensiv begleitet haben und immer an ein Gesund werden geglaubt haben, auch wenn ich selbst immer wieder so verzweifelt war, dass Suizid sehr verlockend erschien.

Aber mein wundervoller Partner und meine Tiere erinnerten mich immer wieder daran, dass es sich lohnt zu kämpfen und nicht aufzugeben, weshalb ich heute in meinem Garten sitze, eine Tasse Tee vor mir und die Kraft habe, wieder zu schreiben. Ich kann mit ganz viel Stolz sagen, dass es langsam in Minischritten aufwärts geht – dank einer wunderbaren Unterstützung, die mich seit zwei Monaten begleitet. Jemand, der sauer darüber war, dass sich so wenig mit den Menschen beschäftigt wird, die von Long Covid betroffen sind und sich deshalb darauf spezialisiert hat, erkrankte Menschen zu begleiten. *

Auch dafür bin ich unendlich dankbar – es ist Tag für Tag Arbeit, die ich leisten muss, damit es Stück für Stück besser wird, aber ich weiß, dass es sich am Ende lohnen wird. Ich halte mich fest an Visionen – wie es ist, das erste Mal mit meinem Freund zum Tanzkurs zu gehen oder mit Hund und Pferd wieder einen schönen langen Spaziergang zu machen. Es liegt noch ein langer Weg vor mir, aber ich habe ja jede Menge Zeit… und ich bin dankbar für all die kleinen Dinge und Momente in meinem Leben, die wieder möglich sind.

Nehmt Euch Zeit- für Euch selbst, für Eure Liebsten, für all die Dinge, die ihr tun möchtet – denn ihr wisst nie, wie lange ihr gesund seid – schätzt das Leben und seid dankbar für alles Große und Kleine, was Euch tagtäglich begegnet.

(* http://www.longcovid-ganzheitlich.de – Leider ist nur ein kleiner Leitfaden kostenlos, ansonsten muss die ganzheitliche Begleitung privat bezahlt werden. Ich wollte die Homepage trotzdem verlinken, da die Kassenleistungen und Hilfen bei Long Covid trotz der Kampagne des Bundesgesundheitsministers noch immer vollkommen unzureichend sind und Betroffene meist froh sind, andere Wege zu finden.)

Was ich aus diesem Sommer mitnehme

Jetzt ist er bald vorbei, dieser Sommer. Ich blicke in Dankbarkeit zurück und sehe dem Herbst gelassen entgegen. Eine der schönsten Inspirationen dieses Sommers habe ich einer Freundin zu verdanken, die wir im Urlaub besucht haben. Obwohl von Hunden und wuselnden Kleinkindern umgeben, empfing sie mich anstatt in der sonst üblichen schlichten Alltags- und Funktionskleidung jeden Morgen in einem neuen, wunderschönen Kleid oder Overall. Ich bestaunte die auffälligen, farbenfrohen Prints, ihre femininen Körperformen und freute mich schon darauf, in welchem Outfit sie mich am nächsten Tag empfangen würde. Meine Freundin sah wunderschön aus. Sie hatte beim Packen beschlossen, all die schönen Kleider, die zuhause in ihrem Schrank vergeblich auf den großen Auftritt warteten, weil sie zu unpraktisch und zu empfindlich waren oder der Anlass fehlte, im Urlaub zu tragen. Eine großartige Idee.

Sich einfach für sich selbst schön zu machen, die eigene Weiblichkeit zu zelebrieren und auch beim Kochen eine Königin zu sein, das macht definitiv glücklich.

Was ich noch aus diesem Sommer mitnehme, ist die Erkenntnis, dass man sich sündhaft teure Regenjacken sparen kann, egal wie innovativ sie sind und mit wieviel Membranen sie ausgestattet sind. Wenn es schüttet und man stundenlang mit dem Fahrrad durch den Regen fährt, wird man eben klatschnass. Möchte man das vermeiden, sollte man einfach drinnen bleiben. Kostet weniger und ist weitaus effektiver. Aber erkläre das mal entschlossenen Outdooraktivisten…

Und dann lernte ich noch Folgendes: Viele Menschen in der Mitte des Lebens beschäftigt die Frage, ob sie bei einem Besuch auf unbekanntem Terrain einen Parkplatz finden werden. Für mich sehr ungewöhnlich, da ich zum einen mehrere Jahre in einem Viertel gelebt habe, in dem ich tagtäglich fünfzehn Minuten um den Block fahren musste, um einen Parkplatz zu finden und ich in dieser Zeit gewisse Einparkkünste und einen untrüglichen Instinkt für Lücken entwickeln durfte. Zum anderen gurke ich beruflich so viel in der Gegend herum, dass ich ständig auf unbekanntem Terrain parken muss. Ich war also zunächst erstaunt, als ich gefragt wurde, wie sich das bei uns mit Parken verhalte. Beim ersten Mal, beim zweiten nicht mehr so sehr, beim Dritten gelang mir der Perspektivwechsel. Klar, gibt ja auch ganz andere Leben. Mit immer denselben Parkplätzen, vielleicht sogar mit Nummernschild drauf. Ich sollte mich einfach nicht so viel wundern.

Genießt die letzten schönen Tage.