Gerade war ich, wie üblicherweise am Samstagvormittag, auf dem Wochenmarkt. Und ich werde es bestimmt so schnell nicht wieder tun, denn es war schlicht und ergreifend demütigend und grauenhaft. Binnen Sekunden verwandelte ich mich in ein altes, buckliges Mütterchen aus den Märchen der Gebrüder Grimm und auch der Verkäuferin schien diese Verwandlung nicht entgangen zu sein, denn sie behandelte mich auf eine derart bemühte und zuvorkommende Art und Weise, wie sie mir gemäß meines tatsächlichen Alters auf keinen Fall zugestanden hätte. Sie legte mir die Waren in meine Tasche, nahm mir vorsichtig aus den Händen, was ich ihr reichte, es war ein fast liebevolles Geben und Nehmen. Grund für ihre Besorgnis und meine Mühen war mein schlagartiges Erblinden, das mich vollkommen überforderte und überhaupt nicht mehr aufhörte. Bei 6° Celsius Umgebungstemperatur führte das Tragen meiner Maske nämlich zu einem so starken, kontinuierlichen Beschlagen meiner Brille, dass ich schlichtweg nichts mehr sehen konnte. In verzweifelten Hoch- und Runterschieben meiner Brille und dem Annähern meines Kopfes zur Ware herab (daher das Bucklige), versuchte ich wieder Herrin der Lage zu werden, versuchte panisch, zu erkennen, was ich erwerben wollte und die richtige Menge zu beurteilen. Ich muss vielleicht nicht weiter berichten. Wie eine geprügelte Hündin machte ich mich mit meinem Einkauf von dannen.
Jetzt beim Schreiben erscheint es klar, die einfachste Lösung wäre vermutlich gewesen, die Maske unter die Nase zu schieben, wie es so viele tun. Aber als auf meine Mitmenschen bedachte Bürgerin war mir dieser Gedanke gar nicht gekommen. Und eine nachhaltige Lösung für die zahlreichen Situationen, die in den nächsten Monaten auf uns Brillenträger*innen zukommen werden, ist das natürlich auch nicht. Wir sind es ja von jeher gewohnt, mit zahlreichen Unannehmlichkeiten zu leben, wie eben in der kalten Jahreszeit dem Beschlagen der Brille, wenn wir geheizte Innenräume betreten. Die Maske potenziert diesen Effekt leider um ein Vielfaches durch die permanent nachströmende Atemluft.
Es wäre also ein geeigneter Zeitpunkt, sich endlich die lang ersehnte Laseroperation zu gönnen, könnte man sie sich leisten und würde sie in fortgeschrittenem Alter noch Sinn machen. Und wohl denen, die auf Kontaktlinsen umsteigen können. Alle anderen sind in den nächsten Monaten auf das Wohlwollen und Verständnis ihrer Mitmenschen angewiesen, die ihnen dann saisonbedingt bitte auch den Einkauf auf dem Wochenmarkt abnehmen sollten. Sollten Sie Sehende jemandem begegnen, der so plötzlich erblindet irgendwo in der Gegend herumsteht, scheuen Sie sich bitte nicht, ihm den Weg zu weisen, er wird es Ihnen danken.
Haltet durch, meine Brillenschlangenschwestern und -brüder. Ihr seid nicht allein.



Der Glaube an das Gute in dieser Welt und in der Politik im Speziellen wird einem ja häufig schwer gemacht. Dass sich Hubertus Heil, SPD, Minister für Arbeit und Soziales, und Entwicklungsminister Gerd Müller, CSU, dafür einsetzen, ein Lieferkettengesetz für die Wirtschaft durchzusetzen, ist da ein echter Lichtblick. Dies wäre ein so wichtiges Zeichen, dass es uns nicht egal ist, dass wir auf Kosten anderer leben, sondern Verantwortung dafür übernehmen, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen in aller Welt, die für uns und unseren Wohlstand schuften, zu verbessern und internationalen Standards anzupassen.
„Herkunft“ von Saša Stanišić ist eines dieser Bücher, ausgezeichnet mit dem deutschen Buchpreis und das wirklich mehr als verdient. Stanišić ist ein Sprachkünstler, der zauberhaft mit einer Sprache jongliert, die ihm erst im Alter von zwölf Jahren zu eigen wurde, als er mit seinen Eltern vor dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland floh. Und der es irgendwann wagte, in dieser Sprache zu schreiben, weil ihn sein Deutschlehrer dazu ermutigte. „Herkunft“ ist eine fiktionale Biographie, in der er sich auf die Reise in eine Zeit begibt, die seiner geliebten Großmutter, die zunehmend an Demenz erkrankt, allmählich entgleitet. Spielerisch springt der Autor durch die Zeiten, erzählt von seiner Jugend in Heidelberg, als er es kaum wagte, jemanden mit nach Hause zu nehmen, weil die Familie in so bescheidenen Verhältnissen lebte, er erzählt von einem Jugoslawien, in dem alle ziemlich friedlich zusammenlebten, bis das der aufpeitschende Nationalismus unmöglich machte, er erzählt von seinem Vater, der ihn als Kind vor dem Angriff einer Poskok, einer Hornotter, rettete, von der Heimat seiner Großeltern, der Landschaft und den Menschen. Manches ist wahr, manches ist erfunden und ein wenig phantastisch im besten Sinne. So erwartet den Leser ein ganz besonderes Ende der Geschichte oder auch zwei?