Als ich vor einiger Zeit mit Freundinnen in der Kneipe saß, kochten auf einmal die Emotionen hoch. Es ging um die Digitalisierung und deren Begleiterscheinungen. Das Empfinden darüber, was am Datensammeln gut und praktisch oder aber überwachend und bedrohlich zu sein scheint, geht meilenweit auseinander, allein schon deshalb, weil es für manche im Berufsleben inzwischen völlig selbstverständlich ist und daher gar nicht hinterfragt wird, während andere die Digitalisierung noch weitestgehend aus ihrem Leben herauszuhalten versuchen. Es gibt die hartnäckigen Verfechter der These, ihre Daten seien uninteressant, sie hätten nichts zu verbergen und überhaupt diene ihre Erfassung, wenn überhaupt, der Optimierung ihres Lebens. Die andere Seite fürchtet die Entwicklung von der Demokratie hin zum Überwachungsstaat, der mit Hilfe von Daten bewerten, kategorisieren und manipulieren kann.
Eine Fortführung dieser verhärteten Fronten beschreibt Bijan Moini in seinem Roman „Der Würfel“, den ich bereits vor einiger Zeit vorgestellt habe. Dort gibt es die „Offliner“, die isoliert in abgeschotteten Dorfgemeinschaften leben und sich dem Digitalen völlig verwehren. Die „Gaukler“ leben zwar innerhalb des Systems, versuchen aber es auszutricksen, in dem sie bewusst Dinge tun, die sie eigentlich nicht mögen und sonst nie tun würden, damit sie nicht einzuschätzen sind. Auch sie beziehen ein Grundeinkommen, aber die „Kubisten“, die so viel wie möglich von sich preisgeben, werden mit zusätzlichem Einkommen und Annehmlichkeiten belohnt. Je mehr Daten, umso mehr Vorteile im Leben. Moini hat sich seine Zukunftsversion der Welt sehr detailliert und schlüssig erdacht und leider wirkt sie eher wie eine mögliche Version von morgen als wie Science Fiction. Wer also mal lesen möchte, wie Leben in digitaler Überwachung aussehen könnte, kann hier einen Eindruck gewinnen.
Als sich Edward Snowden vor einigen Monaten anlässlich des Erscheinens seiner Biographie aus seinem russischen Exil zu Wort meldete, um erneut davor zu warnen, wie sich das Internet entwickelt hat und zu mahnen, dass es einer (technisch möglichen) Form bedürfe, die ohne das Datensammeln einiger weniger Monopolisten auskomme, hatte ich gehofft, dass es eine breite Diskussion auslöse. Aber seine Aufrufe verebbten weitgehend ungehört. Dabei wäre es so wichtig, heute das Internet so zu gestalten, dass es wieder dem Nutzer dient und nicht der Wirtschaft und den Regierungen. Die Möglichkeiten des Internets zu nutzen ohne sie zu missbrauchen, würde die Menschen wieder zusammenbringen, die sich jetzt so uneins sind über Fluch und Segen der Digitalisierung. Das Gelingen scheint mir momentan aber eine Utopie zu sein.
Edward Snowden hat sein Leben aufgegeben, um die Menschen über das illegale, massenhafte Datensammeln der Geheimdienste aufzuklären und er tat dies im felsenfesten Glauben an die amerikanische Verfassung und aus der Überzeugung, dass der Staat den Menschen dienen müsse und nicht umgekehrt. Seine Biographie beschreibt seinen Weg dorthin und lässt besser verstehen, warum er zum Whistlerblower wurde. Auch im Exil kämpft er weiter für eine bessere Welt und arbeitet nach wie vor beispielsweise am verschlüsselten Messanger Signal mit. Mit Hilfe zahlreicher Unterstützer kann er sein Wissen in Vorträgen weitergeben und sich für seine Mission einsetzen. Solange wir Nutzer aber so gleichgültig sind und zulassen, dass Amazon, Google, Facebook und Co. unsere Daten sammeln und weitergeben, spüren die Konzerne keinen Druck, etwas an ihren Geschäftspraktiken zu verändern.
Es bedarf natürlich weit mehr, nämlich einer entsprechenden Gesetzgebung, aber auch gutem Unterricht an den Schulen. Damit unsere Kinder technische Grundkenntnisse zum Schutz ihrer Daten erlernen, aber auch überhaupt erstmal ein Bewusstsein dafür zu bekommen, warum wir uns nicht daran gewöhnen sollten, gläsern zu werden. Warum die Face-ID des Handys zwar praktisch ist, aber auch die Hemmschwelle für eine generelle Gesichtserkennung heruntersetzt. Es bedarf weit mehr als der technischen Ausrüstung der Schulen.
Würden Edward Snowdens Vorstellungen vom Internet umgesetzt, müssten wir uns auf jeden Fall nicht mehr streiten. Das wäre fantastisch.
Permanent Records von Edward Snowden
Fischerverlag ISBN 978-3-10-397482-9

Immerhin haben wir eine feste Adventskalender Tradition. Die Kinder bekommen immer dieselben 24, liebevoll(!) von Hand mit Süßigkeiten befüllten Säckchen, nachdem das ursprüngliche Bestücken mit „Kleinigkeiten“ irgendwann völlig ausgeartet war. Kleinigkeiten, deren Kosten in der Summe dann eben doch nicht so klein sind, haben das Manko, dass sie meist keine Verbrauchsgüter sind und im Anschluss des Erfreuens unnütz herumliegen. Ich schätze das überhaupt nicht, Krusch und ich gehen schlecht zusammen.
Einen Aufschrei verursachte zuletzt die Ernennung Beningna Munsis zum Nürnberger Christkind. Die Katholikin, deren deutscher Vater indischer Herkunft ist, überzeugte zwar die Jury mit ihrem offenen Auftreten und ihrer Schauspielerfahrung, einigen Mitbürgern ging ein Christkind mit dunkler Hautfarbe dann aber doch zu weit. Dabei passt Beningna vortrefflich zu unserer, wie ich finde, offenen Stadt, in der „multikulti“ längst Alltag ist. In der Klasse meines älteren Sohnes hat ein Großteil der Kinder einen Migrationshintergrund und das Thema Herkunft ist dadurch völlig unwichtig. Das Gleiche gilt für den Fußballverein und für das Berufsleben mit Global Playern wie Siemens, Adidas oder Puma, die Arbeitnehmer und deren Familien aus aller Welt nach Nürnberg locken. Wo es viel Kontakt zu „Fremden“ gibt, bleiben Vorurteile schnell auf der Strecke. Leider ist das nicht überall der Fall, umso wichtiger, seine Stimme gegen Stimmungsmache und Feindbilder zu erheben.
„Die besten Freunde der Welt“ von Ute Wegmann ist ein wunderschönes Buch über die Freundschaft zwischen dem supersportlichen Fritz und dem Superbrain Ben, der wegen eines Herzklappenfehlers als Baby von seiner Mutter in Watte gepackt wird und nichts tun darf, was seiner Gesundheit gefährlich werden könnte. Und das ist so ziemlich alles, was Spaß macht. So darf Ben auch nicht am Schwimmunterricht teilnehmen, obwohl er wahnsinnig gerne das Seepferdchen machen würde. Stattdessen sitzt er am Beckenrand und schreibt Gedichte, wie das Großartige über den Busen, entstanden, nachdem er eine Seniorengruppe bei der Aquagymnastik beobachtet hat. Herrlich! Fritz versucht schließlich, seinem Freund heimlich das Schwimmen beizubringen, gar nicht so leicht bei jemandem, der sogar Angst vor einem Schaumbad hat. Ein großes Abenteuer für die so ungleichen Jungen, die vielleicht gerade deshalb die besten Freunde der Welt sind.
Die meisten von uns haben vermutlich Phasen durchlebt, in denen das Verhältnis zu den Eltern oder einem Elternteil belastet war und eine echte Verständigung kaum möglich war, weil die Wahrnehmung zu weit auseinander gegangen ist. Manchmal führt das sogar zum Kontaktabbruch. Nichterfüllte Erwartungen, Sehnsüchte, Sprachlosigkeit, Unverständnis. Aber kann das überhaupt anders sein? Gibt es die eine Wahrheit? Kann die Wahrnehmung von Mutter und Tochter überhaupt übereinstimmen?
Wenn Menschen in anderen Ländern für ihre Freiheit demonstrieren und dabei sogar ihr Leben riskieren, ist das für diejenigen, die in eine funktionierende Demokratie hineingeboren wurden, manchmal schwer nachvollziehbar. Was Menschen dazu treibt, einem System der Überwachung und Unterdrückung zu entfliehen, erzählt der Jugendroman „Jenseits der blauen Grenze“.
Der elfjährige Hidde lebt mit seinem älteren Bruder Jeppe und der Mutter in einem Haus in einer niederländischen Kleinstadt. Der älteste Bruder Ward ist drei Jahre zuvor an einer Erkrankung verstorben. Die alleinstehende Mutter arbeitet lange und ist auch oft nicht richtig anwesend, wenn sie zuhause ist und so sind sich die beiden Jungen meist selbst überlassen. Für Hidde, der von seinem Bruder nur Spinnerling genannt wird, sind das Wichtigste seine Insekten und Spinnentiere, die er draußen aufspürt und sie in zahlreichen Gefäßen in einem geheimen, ans Haus angrenzenden Keller hält, von dem nur die Brüder wissen. Eines Tages erklärt Jeppe, dass von jetzt an er den Keller als Übungsraum für sein Schlagzeug nutzen wolle und Hidde ihn räumen solle. Eine Katastrophe für Hidde und seine Tiere. Von diesem Tag an beginnt ein Krieg zwischen den Brüdern. Denn das verstößt klar gegen die Abmachung. Der Keller war der Preis für das Wahren eines Geheimnisses. Ein Geheimnis, über das Hidde eigentlich wahnsinnig gerne sprechen würde, aber nicht darf. „Krasshüpfer“ ist Hiddes Tagebuch, in dem er mit dem Leser sein Nöte teilt und um die richtigen Entscheidungen ringt. Er zeichnet darin seine Tiere und das Experiment, mit dem er seine Klassenkameradin Lieke beeindrucken möchte, die Rosa so gerne mag. Hidde ist nicht cool, er spricht über seine Gefühle, seine Hilflosigkeit und Angst und genau das macht ihn so sympathisch. Und dass der Leser dabei so nah dran ist, macht das Buch so besonders.